Janssen: „Es ist Zeit für einen Umbruch“

Vereine treten zunehmend in Konkurrenz mit den Schulen. Leistungsgedanke steht bei Jugendlichen nicht mehr im Vordergrund. VON THOMAS BREVES JEVER/SCHORTENS – Knapp fünf Jahre ist es her, da wurde die HG Jever/Schortens aus der Taufe gehoben. Mit der Unterschrift von Eckhard Kohls (MTV Jever), Peter Kühnl (Heidmühler FC) und Karl- Heinz Striegl (Grün-Gelb Roffhausen) am 22. März 2010 wurde die seit 1975 existierende SG Schortens aufgelöst. Schon seit dem Jahr 2008 hatte die SG Schortens zusammen mit dem MTV Jever im Jugendbereich kooperiert. Nun sollte die Erfolgsgeschichte auf den Seniorenbereich ausgedehnt werden. Mit hehren Zielen gingen die Verantwortlichen um den neuen HG-Vorsitzenden Christian Janssen, der die Gründung maßgeblich vorangetrieben hatte, ans Werk. „Bündelung der Kräfte“ hieß eine der Überschriften, der Traum von der Oberliga im Männerbereich wurde wieder geträumt. Fünf Jahre später fällt die Bilanz weit weniger euphorisch aus. Zwar schaffte die erste Herren tatsächlich den Sprung in die Oberliga. Nach einem ernüchternden Spieljahr folgte der sofortige Wiederabstieg. Mittlerweile muss das Team sogar um den Verbleib in der Verbandsliga bangen. Die zweite Herrenmannschaft ist nicht viel mehr als eine Trümmerhaufen in der Weser-Ems-Liga. Die Trainingsbeteiligung ist kaum messbar und zum Auswärtsspiel muss das Trainerteam jedes Mal zum Telefonhörer greifen und bei anderen HG-Teams anfragen, um überhaupt eine spielfähige Mannschaft stellen zu können. Die Landesliga-Frauen verzichten freiwillig auf den Start in der Landesliga, da es an konkurrenzfähigem Nachwuchs fehlt. Sie wagt einen Neuanfang der Weser-Ems-Liga in der Hoffnung, dass in Zukunft gute Handballerinnen der Jugendarbeit entspringen. Die ist zumindest in Ansätzen nicht unberechtigt, denn die B-Juniorinnen belegen derzeit den ersten Platz der Landesliga. Im männlichen Jugendbereich sieht es da schon deutlich schlechter aus. „Es ist Zeit für einen Umbruch“, sagt deshalb der HG-Vorsitzende Christian Janssen und skizziert dabei eine Problematik, die von drei Seiten angreift. Längst gibt es nicht mehr die Masse an jungen Sportlern, die den Mannschaftssport praktizieren will. „Die Situation mit den Ganztagsschulen macht den Vereinen schwer zu schaffen“, sagt Janssen. „Speziell fehlt aber gerade in den Jugendmannschaften der Wille, sich auch mal zu Quälen.“ Der Leistungsgedanke ist nicht mehr da. „Die Jugendlichen wollen mehr Zeit für sich selbst haben, für sie ist es kein Ziel mehr, irgendwann einmal in der Oberliga zu spielen. Für sie ist Training nicht mehr Spaß, sondern eine unangenehme Pflicht“, bilanziert der HG-Vorsitzende. „Sie wollen mit möglichst wenig Einsatz viel erreichen.“ Pauschalkritik will er allerdings nicht üben, denn Ausnahmen gibt es natürlich auch im Handball. Doch ein Spieler pro Team reicht nicht aus. Gerade aus diesem Grund entstehen immer mehr Spielgemeinschaften, um zumindest den wenigen leistungsbereiten Nachwuchshandballern eine Option bieten zu können. Hier werden viele Mannschaften gebündelt. Das ist auch nötig, denn die Vereine werden wohl zunehmend in Konkurrenz mit den Schulen treten. Der Handballverband Niedersachsen hat nämlich ab der kommenden Spielzeit Schulmannschaften im Bereich der Altersklasse der Jugend D und jünger zugelassen. Es tut sich jedoch ein zweites Problem auf. Denn die Entwicklung macht auch im Bereich der Trainer nicht halt. „Kaum jemand hat Lust, sich acht, neun Stunden pro Woche mit Übungseinheiten zu beschäftigen. Niemand stößt sich damit gesund, eine Oberliga- Jugendmannschaft zu trainieren“, sagt Janssen. So wird es zunehmend schwierig konzeptionell oder administrativ etwas aufzubauen. „Wer will heute noch Vorstand einer Abteilung mit 300 Mitgliedern sein?“, fragt er. Die Bereitschaft, sich in einem Verein ehrenamtlich zu engagieren nimmt seit vielen Jahren ab. Was aber will die HG tun, um diese Entwicklung im Verein zu stoppen? Der Ansatz sei, wie bereist seit zwölf Jahren der gleiche, erklärt der HGVorsitzende. „Es gilt etwas aufzubauen, das über eine Mannschaft hinaus bis in den Jugendbereich greift.“ Zentraler Pfeiler im Männerbereich soll hier Reiner Schumacher, der angehende Trainer der ersten Herrenmannschaft sein. Er kennt den Verein seit vielen Jahren durch sein Tätigkeit im Jugendbereich. „Wir brauchen jemanden, der nicht nur zum Spiel kommt, sondern sich auch mit den Schrulligkeiten des Vereins auskennt. Das ist in unseren Augen nur mit jemandem aus dem eigenen Verein möglich.“ Taktiken und Formationen, die im Erwachsenenbereich gespielt werden, sollen spätestens in der A-Jugend verinnerlicht werden, um einen reibungslosen Übergang garantieren zu können. Im Frauenbereich soll dasselbe vollzogen werden. Dabei soll allerdings nicht mit einem Trainer allein gesprochen werden. „Wir holen ab sofort alle Trainer zu einer gemeinsamen Runde zusammen“, erklärt Janssen. Wie es mit der zweiten Mannschaft weitergehen soll bleibt indes in der Schwebe. „Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es für eine Verbandsliga- Mannschaft keinen hochklassig spielenden Unterbau braucht“, sagt der Vereinsvorsitzende. Schließlich könne jeder ambitionierte AJugendspieler den Sprung in die Verbandsliga schaffen, wie schon die Vergangenheit gezeigt hat. „Das, was wir jetzt machen muss anlaufen“, sagt Janssen. Erst nach fünf Jahren könne es erneut eine Zäsur geben. „Dann wissen wir auch, wie sich die Ganztagsschulen auswirken.“ Vorsitzender wird Christian Janssen dann nicht mehr sein. Im Jahr 2016 ist für ihn Schluss.

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